Ein Balkonkraftwerk gehört zu den Investitionen, deren Wirtschaftlichkeit Sie vor dem Kauf gut abschätzen können – wenn die Annahmen stimmen. Modul-Ausrichtung, Wechselrichter-Klasse und der eigene Strompreis bestimmen, wie viele kWh Sie pro Jahr produzieren und wie viel Sie in Ihrer Stromrechnung sparen. Dieser Beitrag erklärt die Rechenlogik und stellt Ihnen einen Rechner zur Verfügung, der mit realistischen Werten für Süddeutschland arbeitet.
Wovon der Ertrag abhängt
Drei Größen entscheiden über den Jahresertrag eines Balkonkraftwerks:
- Wechselrichter-Leistung: 800 VA ist seit Mai 2024 die gesetzliche Obergrenze in Deutschland (vorher 600 VA). 600-VA-Bestandsgeräte bleiben weiter zulässig. Begrenzt die maximale Einspeiseleistung.
- Modulleistung: Typischerweise 1.000 bis 2.000 Wp pro System. Bei 800-VA-Wechselrichter und 1.600 Wp Modulleistung ergibt sich ein Verhältnis, bei dem die Module in den Mittagsstunden öfter "überproduzieren" und der Wechselrichter abregelt – das ist gewollt und erhöht den Jahresertrag.
- Ausrichtung und Verschattung: Süd mit 30 Grad Neigung bringt 100 Prozent. Ost-West-Aufstellung rund 80 Prozent, Norden 50 bis 60 Prozent. Verschattung durch Nachbargebäude oder Bäume kann den Ertrag halbieren.
Realistische Erträge in Reutlingen, Tübingen, Stuttgart
Aus langjährigen Messungen und PVGIS-Daten ergeben sich für die Region folgende spezifische Erträge: rund 950 bis 1.050 kWh pro kWp Modulleistung und Jahr bei optimaler Süd-Ausrichtung. Für ein typisches 800-VA-System mit 1.600 Wp Modulen sind das:
- Süd, 30°: 800 bis 900 kWh/Jahr
- Süd-West oder Süd-Ost: 720 bis 810 kWh/Jahr
- Ost-West-Aufstellung: 640 bis 720 kWh/Jahr
- Nord: 480 bis 540 kWh/Jahr
Bei einem Strompreis von 37 Cent/kWh und vollständigem Eigenverbrauch entspricht das 280 bis 315 Euro Ersparnis pro Jahr in optimaler Ausrichtung.
Balkonkraftwerk-Rechner
Wählen Sie Wechselrichter-Leistung und Ausrichtung, geben Sie Ihren aktuellen Strompreis ein und sehen Sie den realistischen Ertrag und die Einsparung pro Jahr.
Ertragsrechner
Realistisch: 60–85 % bei tagsüber genutztem Haushalt, 40–60 % bei tagsüber leerem Haushalt.
Worauf der Eigenverbrauchsanteil ankommt
Die Einsparung steht und fällt mit dem Eigenverbrauch. Wer mittags zu Hause ist und Geräte gezielt am Tag laufen lässt (Geschirrspüler, Waschmaschine, Backofen), erreicht 80 bis 90 Prozent Eigenverbrauch. Bei einem berufstätigen Haushalt, der tagsüber leer ist, sinkt der Anteil auf 40 bis 60 Prozent – Überschüsse werden ins Netz eingespeist und nur bei Anmeldung mit Einspeisevertrag mit 7,78 ct/kWh vergütet.
Drei Maßnahmen heben den Eigenverbrauch:
- Programmierbare Steckdosen oder Smart-Home-Steuerung, die Verbraucher zur Mittagszeit zuschaltet
- Wärmepumpen-Brauchwasser über die Mittagsstunden einplanen
- Kleiner Speicher (1 bis 2 kWh) als optionale Ergänzung – wirtschaftlich nur bedingt sinnvoll, weil die Speicherkosten pro kWh hoch bleiben
Was der Rechner nicht abbildet
Folgende Effekte gehen über die einfache Schätzung hinaus und können den realen Ertrag deutlich verändern:
- Verschattung durch Nachbarbebauung: Schon ein verschattetes Modul reduziert den Stringertrag überproportional. Eine Vor-Ort-Begehung mit Sonnenstandsanalyse lohnt sich bei zweifelhaften Standorten.
- Modulneigung: Senkrechte Montage am Balkongeländer kostet rund 20 bis 30 Prozent Ertrag gegenüber 30°-Neigung – je nach Jahreszeit unterschiedlich.
- Modul- statt Wechselrichter-Leistung: Hochgerüstete Systeme mit 2.000 Wp Modulen am 800-VA-Wechselrichter erzielen rund 5 bis 15 Prozent mehr Jahresertrag als die Rechnerwerte, weil sie an schwächeren Tagen näher an der Wechselrichtergrenze arbeiten.
- Modulalterung: 0,5 Prozent Leistungsverlust pro Jahr ist Standard – über 20 Jahre rund 10 Prozent.
Eine Übersicht über alle Photovoltaik-Themen – von Anlagengröße über Eigenverbrauch bis Sektorkopplung – finden Sie in unserem Photovoltaik-Ratgeber 2026.
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